Das neue Fotografiska-Zentrum in Berlin eröffnet mit einer aufwändigen Schau, bei der Queerness ein selbstverständlicher Bestandteil ist. Es geht nicht nur um Nacktheit, sondern auch um die Beziehung von Körper und Identität.

Eine solche Vielfalt an nackten Leibern wurde selten in einer Einzelausstellung gezeigt. Dem Publikum eröffnet sich ein beeindruckendes Spektrum an Geschlechtsidentitäten, Hautfarben, Posen und Blickwinkeln, mit denen sich die Kamera ihrem jeweiligen Objekt nähert. Queerness ist dabei ein selbstverständlicher Bestandteil, und zwar in allen Variationen. Ohnehin erscheint das Konzept überaus ambitioniert: „Es ist Zeit, die Venus zu befreien“, so heißt es selbstbewusst im einleitenden Text von „Nude“ – einer Schau im neuen Berliner Ausstellungshaus Fotografiska, das Mitte September in den Räumen der alten Tacheles-Ruine Eröffnung feierte. Der Ort an sich ist spektakulär, die schreienden Graffiti-Botschaften im Treppenhaus sind erhalten geblieben, Erinnerungen an das wilde, noch nicht gentrifizierte Berlin-Mitte der Nachwendezeit werden wach.

Doch was bedeutet hier der Schlachtruf nach Befreiung der Venus eigentlich? Der Verweis auf die Göttin, die von überkommenen Schönheitsidealen erlöst werden soll und auf die im Ausstellungstext mehrfach Bezug genommen wird, spielt auf jenes ikonische Renaissance-Gemälde an, mit dem Botticelli das Urbild aller weiblichen Aktdarstellungen der Neuzeit schuf: „Die Geburt der Venus“ aus dem 15. Jahrhundert. Doch so anmutig und strahlend die Göttin der Liebe in ihrem Muschelgefährt auch erscheinen mag: der Schmutz unter den Fußnägeln ihres Standbeines verrät die Abgründigkeit ihrer Herkunft, auch wenn das Detail kaum jemandem auffällt.

Dabei wird häufig übersehen, dass der Geburt der Venus unmittelbar eine grausame Intrige vorausgeht: Chronos, von seiner Mutter dazu angestiftete, trennt seinem tyrannischen Vater die Geschlechtsteile ab und wirft sie ins Meer. Es ist nichts anders als der dabei entstehende blutige Schaum, der die Venus gebiert. So gesehen liegt von Anfang an ein Keim der Kritik in der Darstellung der Venus verborgen, der Zweifel an ihrer unreflektierten Verherrlichung aufkommen lässt. Und am Patriarchat. Mal ganz abgesehen davon, dass Botticellis Nacktdarstellung zu seiner Zeit ein subversiver Akt gegen die moralischen und religiösen Wertvorstellungen war.

Nacktheit „jenseits patriarchaler Vorschriften“

Daher bedeutet der Befreiungsgedanke der „Nude“-Ausstellung nicht unbedingt eine Abkehr von der Ideengeschichte der neuzeitlichen Kunst. Eher wird sie in der Fotografiska-Schau fortgeschrieben, nun jedoch verstärkt aus der Perspektive von Personen, die sich als Frauen identifizieren. Dreißig Künstlerinnen aus aller Welt zeigen den nackten menschlichen Körper aus ihrem jeweils sehr persönlichen Blickwinkel: ein weiblicher Blick, der sich als äußerst divers erweist, bisweilen auch als ziemlich radikal; mal lässt er erotische Funken sprühen, meist bleibt er ungeschönt – und manchmal wirkt er auch sehr ernüchternd.

Laut Ausstellungstext ging es allen Teilnehmerinnen darum, Fragen im Zusammenhang mit Identität, Sexualität und Schönheit „jenseits patriarchaler Vorschriften“ aufzugreifen, klassische weibliche Schönheitsideale zu hinterfragen und zu zeigen, dass Aktdarstellungen „mehr zu bieten haben als schöne Hintern und Schlafzimmerblicke“. Von der Kritik an stereotypen Kategorisierungen in „männlich“ und „weiblich“ ganz zu schweigen. Die Schau nimmt darum auch „alternative Darstellungen des Männlichen“ in den Fokus.

Die in London lebende chinesische Künstlerin Yushi Li etwa kehrt die Machtverhältnisse um, versetzt die Männer ihrer Fotoserie „My Tinder Boys“ in eine passive Rolle. Sie sitzen entblößt am Küchentisch oder auf der Arbeitsplatte neben der Spüle und wirken dabei schutzlos und verunsichert. „Ich habe sie alle über die Dating-App kennengelernt“, so Li. „Ich schaue sie an, ich ‚like‘ sie, ich mache sie zu Bildern von mir.“ Die Küche als traditionelle Domäne der Frau hat sie bewusst gewählt. Doch geht es Li nicht nur darum, eine feministische Perspektive einzunehmen. Sie will auch darauf hinweisen, wie die ständige Verfügbarkeit von Sexkontakten im digitalen Zeitalter unseren Blick verändert.

Hochästhetische Arrangements und ein neuer Schönheitsbegriff

Die japanische Fotografin Momo Okabe hat sich in ihrer Arbeit zur Aufgabe gemacht, ihre asexuelle Identität auszuloten. Bestechend ist vor allem ihre Fotoserie „Ilmatar“, die ihrem queeren Freundeskreis in Tokio gewidmet ist. Die Bilder erstrahlen in grellen Farbschattierungen und erzeugen im Kontrast zu der gezeigten Intimität eine Spannung, die niemanden unberührt lassen dürfte.

In den Fotografien der aus den USA stammenden Brooke DiDonato geht es wiederum weniger um Identität oder Wahrhaftigkeit, bei ihr werden Körper zu hochästhetischen Arrangements verschränkt – eine Annäherung an den Surrealismus. Das zeigt sich etwa in ihrem Werk „Sum of its Parts“, in dem zwei männliche Leiber artistisch ineinander verschmelzen.

Für einen Schönheitsbegriff, der an Echtheit und Emotionen gebunden ist, setzt sich die französische Fotografin Bettina Pittaluga ein. Sie interessiert sich vor allem für Models, die in der Fotografie aufgrund von Geschlecht, Alter oder Hautfarbe unterrepräsentiert sind, um die gegenwärtige „Hegemonie zu zerschlagen.“ Dazu trägt sie mit ihrem Beitrag zweifellos bei, wie auch die Arbeiten ihrer 29 Kolleginnen, die in der Gesamtschau aufwändig präsentiert und lichttechnisch durchaus flott inszeniert sind.

Ein vielversprechender Anfang

Was bedeutet Nacktdarstellung heute? Die Ausstellung gibt darauf nicht nur eine, sondern eine Reihe von Antworten. In Wahrheit geht es sogar um viel mehr – um die Frage nach Körper und Identität. Zweifellos wird sich das Publikum nachhaltig damit beschäftigen, und queere Aspekte spielen dabei eine zentrale Rolle. Zudem gibt das großformatige „Fotografiska Berlin Magazine“ in Deutsch und Englisch ausführlich Auskunft über die Schau, wie auch die Ausstellungstexte vor Ort allesamt zweisprachig sind.

Das internationale Privatmuseum Fotografiska, unter anderem mit Standorten in Stockholm, New York und Shanghai, führt sich in Berlin also mit einem Paukenschlag ein. Man möchte offensichtlich ein großes, urbanes und junges Publikum erreichen, wofür auch die großzügige gastronomische Versorgung mit Rooftopbar und Restaurants ein Indiz ist – sowie Öffnungszeiten bis 23 Uhr. Berlin hat damit ein weiteres Ausstellungshaus, das sich ganz auf das Medium Fotografie fokussiert. Im besten Fall wird es das eher am klassischen Genre orientierte „c/o Berlin“ im Westen der Stadt um zeitgenössische Perspektiven ergänzen. Der Anfang ist vielversprechend.

Leave a Comment

WP Radio
WP Radio
OFFLINE LIVE